Alexander Franzen: „Ich bin eh schon so oft auf der Bühne gestorben … es macht einem dann nichts mehr aus.“

Bild

Erstmal am Anfang: Wie geht es Ihnen denn und hatten Sie eine gute Anreise?

(Franzen lacht) Ja, ich hatte eine lange Anreise aus Berlin und wie immer hat die Bahn das gemacht was sie wollte, nicht, was ich wollte oder was sie eigentlich angekündigt hatte zu tun. Das ist aber relativ normal bei mir im Job: Ich bin ja freiberuflich tätig, das heißt, ich bin jetzt hier als Gast und lebe eigentlich in Berlin. Ich gastiere immer in verschiedenen Opernhäusern, ich bin das also gewohnt, aber trotzdem bin ich, wie das so ist, ein bisschen müde. Aber wenn man auf der Bühne steht, fällt die Müdigkeit wieder weg.

Wie kamen Sie denn an das Stück ‚Candide‘?

Das wurde ja am Gärtnerplatztheater in München sozusagen aus der Taufe gehoben und dort hatte mich der Intendant gefragt, schon vor drei Jahren, ob ich die Rolle spielen möchte. Das konnte ich zusagen, das passte terminlich. Dann hat die Oper Köln das Stück gekauft und in dem Zusammenhang wurde auch ich gefragt, ob ich wieder dabei sein möchte.

Seit wann proben Sie jetzt hier im Aufführungssaal?

Ich glaube, wir sind erst seit 10 Tagen hier.

Und was hat Sie eigentlich dazu bewegt, Opernsänger zu werden?

Das wäre eine viel zu lange Geschichte… deswegen nehme ich jetzt die super kurze Version: Also, mein Vater war Opernsänger und darum sind wir als Kinder schon sehr viel ins Theater gegangen. Ich bin dadurch sehr früh geprägt worden und zusammen mit vielen anderen Aspekten, die noch dazu kamen - aber das wäre jetzt zu lang. (alle lachen)

Die Oper ist ja eher eine kleine Welt für sich. Es gibt aber auch noch Film- und Fernseh-Produktionen. Wenn Sie aussuchen könnten, würden Sie weiter auf der Bühne stehen wollen oder doch lieber vor der Kamera?

Also, ich bin ganz klar ein Bühnenmensch. Bei mir ist es halt so, dass ich durch alle Sparten und Genres alles gemacht habe: Filme gedreht und TV, aber angefangen habe ich auf der Bühne. Und ich muss ehrlich sagen: Ich würde die Bühne auch heute noch immer bevorzugen. Bei Film und Fernsehen, bei der Art, wie dort gearbeitet wird, ist mir einfach zu viel Klappe zu, Affe tot und weiter. Im Theater ist alles lebendig: Die Zuschauer sind lebendig, die Bühne ist lebendig und die Emotionen sind echt. Und das ist es, was mir so gut daran gefällt.

Beim Film kann man ja immer wieder alles neu drehen, wenn etwas nicht klappt. Aber ist Ihnen denn schon mal etwas Peinliches während einer Aufführung passiert?

Also mir direkt noch nicht. Ich hab auch noch nie in meinem Leben Albträume gehabt, dass ich dachte, ich kenne meinen Text nicht mehr. Aber ich habe tatsächlich schon erlebt, dass Kollegen ihren Auftritt verpasst haben. Zum Beispiel in der ‚Zauberflöte‘, als am Schluss der Sarastro nicht auftrat oder in einem anderen Musical: Da ist die Kollegin zu ihrer eigenen Vergewaltigung nicht erschienen, und dann haben wir halt wild herum improvisiert. Und sie kam nicht und kam nicht und es dauerte bestimmt eine Minute.

Hat es denn auch schon mal nicht geklappt mit dem Textlernen?

Nein, das war offensichtlich schon eine frühe Begabung von mir, dass ich gut und schnell Texte und Gedichte auswendig lernen konnte.

Und was passiert, wenn man vor einer Aufführung krank wird und es keine Zweitbesetzung gibt?

Das ist mir tatsächlich noch nie passiert. Ich bin natürlich im Stimmfach als Bariton in einer Stimmlage, wo immer noch was geht. Wo man sich dann halt mal durch eine Vorstellung durchquält. Es gibt ja auch am Abend immer eine Gage und als Freiberuflicher möchte man diese natürlich auch ungerne abgeben. Deshalb denke ich, dass dem Körper dann auch ein bisschen Adrenalin hilft, sich zu fangen und das Ganze zu überleben. (alle lachen)

Und was war bis jetzt Ihre Lieblingsrolle?

Da gehört die des Dr. Pangloss‘ tatsächlich dazu. Auch in unbekannteren Musicals wie zum Beispiel ‚City Of Angels‘ die Rolle des Stone, der lebendig wurde und alles, was ich spielte, war in schwarz-weiß - das war eine ganz fantastische Rolle. Außerdem habe ich es über mehrere Jahre sehr genossen, den Papageno zu spielen.

Wie fühlt es sich an, in ‚Candide‘ so oft die Rollen zu wechseln?

Also ich denke, dass der Pangloss, der Erzähler usw. der Motor für das Stück sind. Candide und Cunigonde müssen bedient werden für ihre Liebesgeschichte und wenn ich als Doktor Pangloss so oft sterbe, dann mache ich das ja nur zu dem Zweck, dass die Maschine weiter geht. Aber ich bin eh schon so oft auf der Bühne gestorben! Es ist zwar schon immer wieder toll und schön dramatisch und es macht einem dann nichts mehr aus.

Sie kommen ja aus Berlin, aber wo arbeiten Sie denn am meisten?

Arbeiten tue ich am schönen Staatstheater am Gärtnerplatz in München. Und es gibt ein Haus, das mir sehr viele Jahre immer wieder die Treue erwiesen hat, das war die schöne Stadt Bielefeld, da bin ich schon fast seit 20 Jahren immer wieder Gast. In Köln bin ich das erste Mal.

Und jetzt hier in Köln, wie kommen Sie mit dem Orchester hinter der Bühne klar?

Naja, wie gesagt, da ich ja schon die Inszenierung in München mitgemacht habe, ist mir das hier schon geläufig. Aber ich kann mich noch erinnern, dass es in München natürlich vorerst zu einer Irritation führte, da man ja nur über den Bildschirm Kontakt zum Dirigenten hatte. Und bei schwierigen Teilen ist dies natürlich extrem auffällig, wenn man so auf den Bildschirm glotzt.

Hat man als Freiberufler noch viel mit den anderen Schauspielern zu tun und geht zum Beispiel nach den Proben noch was zusammen trinken oder arbeitet man nur nebeneinander her?

Normalerweise ist das fast immer so, dass sich besonders die, die gastieren, schnell mal zusammenschließen und noch was essen oder trinken gehen, denn die haben ja dann kein Zuhause. Die Leute, die vor Ort wohnen, klinken sich dann eher mal aus, weil die ja auch noch Familie und Freunde vor Ort haben. Bei ‚Candide‘ hier in Köln ist es halt so, dass relativ viele Gäste zusammen kommen und daher sind wir eine relativ große Gruppe.

Gab es das auch schon mal bei Ihnen, dass Sie sich so gar nicht in der eigenen Rolle gesehen haben und wie bereitet man sich auf so eine Rolle vor, um sich in diese rein zu versetzen?

Also, die Rollen hier bei ‚Candide‘ sind alle sehr extrem. Das sind ja alles eher Kopfgeburten von Voltaire. Daher ist es nicht so schwierig, z. B. ein anderes Alter zu spielen. Im Sommer hingegen habe ich eine Rolle gespielt, wo alle meine Freunde gesagt haben: Die Rolle ist so wie du, Alex. Aber als ich mich dann näher mit dem Text auseinander gesetzt habe, habe ich bemerkt, dass ich das überhaupt nicht war. Da fiel es mir dann eher schwer, die Rolle zu spielen. Es waren glücklicherweise aber auch nur acht Vorstellungen. Hier ist das ganz anders, da habe ich sofort gesagt: Das bin ich. Ein bisschen verrückt mit dem Charakter von Louis de Funès oder Jim Carry.

Wenn man jetzt zum Beispiel mal ein Liebespaar gespielt hat, man sich aber eigentlich gar nicht so mit dem Kollegen oder der Kollegin verstehen würde, ist es dann manchmal schwierig, das zu überspielen?

Es ist schon so, dass das schwierig werden kann. Wenn man auf jemanden trifft und der damit auch Schwierigkeiten hat und man sich aus Angst vor der zu starken Sympathie sich nicht öffnen kann. Es passiert oft in diesem Beruf, dass man sich mal schnell in die Kollegin oder den Kollegen verliebt - dann wird das alles noch viel schwieriger. Wenn man eine Antipathie hat, dann kann man sich ja schnell für eine bestimmt Form entscheiden. Bei Sympathie, die man nicht so schnell zulassen will, da wird es schon schwierig.

Nun zu unserer allerletzten Frage: Warum ist Oper auch etwas für die Jugend?

Also ich glaube, dass die Oper deshalb noch eine Chance hat zu überleben, da die Geschichten, die die Oper erzählt, noch jung sind. Wenn man sich auf die Geschichten einlassen mag, dann bietet halt die Oper die Möglichkeit, in die Geschichte einzutauchen. Die Überwindung kann man niemanden abnehmen. Unsere Aufgabe an dem Abend ist es, nicht peinlich zu sein, sondern echt.


Bild

Geführt von Jan Philipp Geyer und Jonas Koch

Portfolio

Exkursion in die Werkstätten der Bühnen Köln am 26. Oktober (Teil 1)

Portfolio

Exkursion in die Werkstätten der Bühnen Köln am 26. Oktober (Teil 2)

Portfolio

Szenischer Workshop am BGH
11.11.2016

Portfolio

Interview: Nazide Aylin – Sängerin (Paquette)

Portfolio

Interview: Adam Cooper – Regisseur und Choreograph

Portfolio

Interview: Birgit Filimonow – Kostüm-Assistentin

Portfolio

Interview: Alexander Franzen – Sänger (Dr. Pangloss, Erzähler u. a.)

Portfolio

Interview mit Constantin Gerstein – Solo–Fagott (Gürzenich-Orchester)

Portfolio

Interview: Michael Heidinger – Beleuchtungs–Koordinator und –Meister

Portfolio

Interview: Norbert Hermanns – Bass (Chor der Oper Köln)

Portfolio

Interview: Kai Schuhmacher – Regieassistentin

Portfolio

Interview: Martin Koch – Sänger (1. Offizier u.a.)

Portfolio

Interview: Raphael Kurig – Videodesign (Gärtnerplatztheater München)

Portfolio

Interview: Carsten Luz – Solo-Posaunist (Gürzenich–Orchester)

Portfolio

Interview: Elena Maier – Sopran (Chor der Oper Köln)

Portfolio

Interview: Dirk Otte – 1. Violine (Gürzenich-Orchester)

Portfolio

Interview: Stefan Reich – Tonmeister

Portfolio

Interview: Frank Rohde – Musiktheaterpädagoge

Portfolio

Interview: Wolfgang Stefan Schwaiger – Sänger (Maximilian)

Portfolio

Interview: Benjamin Shwartz – Dirigent (Musikalische Leitung)

Portfolio

Interview: Rainer Sinell – Bühnenbildner

Portfolio

Westphalen – Die Ausgangslage im Schloss (Akt I, 1. Teil)

Portfolio

Candide unterwegs mit Dr. Pangloss (Akt I, 2. Teil)

Portfolio

Candide und Kunigunde fliehen für die Liebe (Akt I, 3. Teil)

Portfolio

List und Tod (Akt II, 1. Teil)

Portfolio

Der Weg durch den Dschungel Argentiniens (Akt II, 2. Teil)

Portfolio

Reise und Ankunft in Venedig (Akt II, 3. Teil)

Portfolio

Candide zweifelt, aber es gibt ein Happy End (Akt II, 4. Teil)

Portfolio

Leonard Bernstein

Portfolio

Und was hatte Voltaire damit zu tun?