Birgit Filimonow: "Es war eine echte Kostümschlacht!"

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Wie lange dauerte das Herstellen der Kostüme für Candide und wie viele Kostüme mussten Sie ungefähr insgesamt für Candide herstellen? Wie viele Kostüme haben Sie schon schätzungsweise für Oper und Theater genäht?

Die Kostüme für die Oper Candide wurden nicht in Köln selbst gefertigt, sondern sind eine Übernahme aus München, die dort unter Leitung des Kostümbildners Alfred Mayerhofer erstellt worden sind. Trotzdem war es eine wahre "Kostümschlacht". Allein der Chor besteht aus 23 Herren und 25 Frauen und für jeden Choristen werden 5-8 Kostüme benötigt. Jeder Chorsänger trägt ein in weiß gehaltenes Grundkostüm. Die Damen im Chor tragen z.B. während der Westphalen-Passage am Anfang des Stückes 60er Jahre Kleider. Darüber hinaus gibt es verschiedenste Schleifenhauben, Spitzhauben und Paillettenhüte und für die Soldaten wurden extra schwarze Stiefel angefertigt. Insbesondere die administrative Arbeit war bei Candide eine große Hürde. Die insgesamt 17 Solisten mit teilweiser Doppelbesetzung und die Tänzer benötigten ebenfalls Kostüme. So entstand eine "große, bunte Vielfalt", die sich auch Adam Cooper zum Ziel gesetzt hatte. Ich selber musste auch zahlreiche Neuanfertigungen mit meinem Team machen, da die Schauspieler in München zum Teil extrem andere Körpermaße besaßen und Unterwäsche und Schuhe haben ebenfalls zum Teil gefehlt und mussten neu angefertigt werden. Schätzungsweise kommt die Oper Candide auf etwa 150 Paar Schuhe, 400 Kostüme und etwa 2000 Einzelteile.

Wie viel hat das Erstellen der Kostüme gekostet? Wie viele Leute nähen an den Kostümen?

Das Erstellen der Kostüme in München war schon sehr teuer, doch wir in Köln hatten ein sehr kleines Budget, was nach 50 Paar Schuhen schon aufgebraucht war. Allein eine Tänzerstrumpfhose kostet ca. 26€ und auch die Schuhe der Tänzer dürfen keine normalen Straßenschuhe sein, sondern es werden extra Sohlen benötigt. Diese Feinheiten kosten ebenfalls sehr viel Geld. Deswegen waren wir immer froh wenn wir passende Teile im Kostümfundus gefunden haben.

Was war ihrer Meinung nach bisher das ausgefallenste Kostüm, das sie jemals genäht haben?

Das auffälligste Kostüm, das ich jemals genäht habe, war ein Schwangerschaftskleid für eine Schweizer Oper. Wir mussten einmal ein Kostüm ohne Schwangerschaftsbauch nähen und einmal mit Schwangerschaftsbauch. Den Prototypen haben wir mithilfe eines gekauften Nikolausbauches nachgebildet. Danach haben wir den Prototypen genäht und den Schnitt erstellt. Das war schon eine große und spannende Herausforderung.

Warum sind Sie Kostüm-Assistentin geworden?

Ich persönlich bin eine Quereinsteigerin in dieser Branche. Zuvor war ich im Bereich PR und Filmbereich beschäftigt. Ich habe schon immer gerne genäht und vor drei Jahren habe ich Teile für "Hänsel und Gretel" genäht und habe mich dann entschlossen eine Schnitttdirektriceausbildung zu machen, wo ich dann gelernt habe Schnitte zu erstellen und mir ein Fachwissen über Körpergrößen aufzubauen, wo ich auch viel rechnen musste. Über die Austauschplattform "GTKos" habe ich diesen Job an der Oper Köln gefunden. Diese Plattform gilt auch als Netzwerk für Kostümassistenten und Kostümbildner, was in dieser Branche sehr wichtig ist.

Und war das schon immer ihr "Traumjob" oder gibt es auch Phasen, zum Beispiel kurz vor einer Premiere, wo es sehr stressig wird?

Vor der Aufführung ist es schon sehr stressig, doch insbesondere die Masse an Arbeit am Anfang einer jeden Oper ist schon erschlagend. Man muss mit der Zeit versuchen seine Fehlliste abzuarbeiten. Man muss Kostüme zum Teil einkaufen, Probekostüme erstellen, Kostüme aus dem Fundus holen, ein Kostümszenarium erstellen, Abrechnungen für jedes Kleinteil führen, Kostümlisten führen, Anproben koordinieren, Wäsche waschen, Proben für jeden Schauspieler einrichten und vorbereiten und auch selber Kostüme nähen. Der Kostümassistent ist die Schnittstelle zwischen Werkstatt und Schauspiel. Insbesondere sind Planung, Koordination und Kommunikation extrem wichtig für die Arbeit eines Kostümassistenten. Nähert man sich der Aufführung des Stückes so verringert sich die Arbeit für den Kostümassistenten. Zwischen der Klavierhauptprobe, der Orchesterhauptprobe und der Generalprobe können nur noch minimalste Änderungen vorgenommen werden.

Um den Beruf später ausüben zu können, braucht man ein besonderes Talent oder ist das nur Übungssache? Was hat man für Berufschancen als Kostümassistentin (Freiberufler/Angestellter)?

Man muss auf jeden Fall ein Talent mitbringen. Man muss Spaß und Fantasie besitzen und darf niemals den Spaß an seinem Job verlieren. Das Ziel eines jeden Kostümassistenten ist es, später Kostümbildner zu werden, doch der Weg dort hin ist sehr hart. Man arbeitet als Freiberufler, ist ständig auf Reisen und hat geringe Chancen später einmal als Festangestellter zu arbeiten. Man hat kaum Freizeit, ich habe z.B. seit 3 Monaten jedes Wochenende durchgearbeitet. Insbesondere als eine ältere Person und als Quereinsteigerin ist die hier ein hartes Business. Am Anfang steht fast immer eine unbezahlte Hospitanz und man muss Vorkenntnisse in Schneiderei und Kostümgeschichte mitbringen, doch ein Grundtalent muss man zweifelsohne besitzen. Um in der Branche zu überleben ist es außerdem sehr wichtig, dass man sich ein Netzwerk über Portale wie "GTKos" und dem "Deutschen Bühnenverein" aufbaut.


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